Kind riecht achtsam an einer Sonnenblume – Symbolbild für authentisch sein in Beziehungen

Authentisch sein: 3 Gründe, warum es dir so schwerfällt

Wie kindliche Schutzstrategien dein Erwachsenenleben prägen und was dir hilft, dich heute wieder mehr zu zeigen. 

Authentisch sein in Beziehungen wünschen sich viele Menschen. Einfach so auftauchen, wie wir sind: mit unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Und gleichzeitig sehnen wir uns danach, gemocht, angenommen und verbunden zu sein.

Vielleicht kennst du so eine Situation: Du sitzt mit Freundinnen beim Abendessen. Eine von ihnen erzählt lebhaft von ihrem Wochenende, alle lachen, das Gespräch springt schnell hin und her. Du hättest auch etwas beizutragen. Doch dein Herz klopft schneller, und du wartest auf den richtigen Moment. Der kommt nicht. Stattdessen lächelst du, nickst und stellst Fragen. Auf dem Heimweg merkst du, wie erschöpft du bist. Und in deinem Kopf läuft die Schleife: Warum habe ich nichts gesagt? Warum war ich wieder so still? Was denken die jetzt von mir?

Allein fühlst du dich vielleicht klar und bei dir. Doch sobald es enger wird – mit deinem Partner, in einer Gruppe oder mit Menschen, die du noch nicht gut einschätzen kannst –, passt du dich an, wirst leiser oder ziehst dich zurück.

Deine Reaktion ist nicht falsch. Sie ergibt Sinn, wenn du verstehst, woher sie kommt.

Frau zeigt sich authentisch und entspannt im Kontakt mit ihrem Hund

Grund 1: Als Kind musstest du öfter zwischen der Bindung und dir selbst wählen.

Jedes Kind trägt zwei biologische Kernbedürfnisse in sich: das Bedürfnis nach Bindung und das Bedürfnis, es selbst zu sein – mit allem, was es fühlt und braucht. In der frühen Kindheit bist du aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnisses existenziell auf deine ersten Bezugspersonen angewiesen. Die Bindung zu ihnen sichert dein Überleben.

Wenn Eltern die Gefühle ihres Kindes öfter „halten“ können, stehen diese beiden Bedürfnisse nicht im Widerspruch. Doch wenn Wut, Traurigkeit oder Lebendigkeit bei den Eltern häufiger Rückzug, Ablehnung oder Überforderung auslösen, gerät das Kind in ein Dilemma. Und es entscheidet sich, nicht bewusst, sondern aus einem tiefen Überlebensimpuls heraus, immer für die Bindung zu seinen Bezugspersonen.

Es lernt, einen Teil von sich zurückzuhalten. Es wird brav, hilfsbereit, unauffällig oder besonders stark. Und weil ein Kind nicht erkennen kann, dass die Erwachsenen gerade an ihre eigenen Grenzen kommen, zieht es einen schmerzhaften Schluss: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Genau hier liegt oft der Ursprung des Gefühls, nicht richtig zu sein.

Grund 2: Dein Nervensystem prüft ständig, ob du sicher bist.

Ob wir uns zeigen können, entscheidet nicht zuerst unser Kopf. Unser Nervensystem prüft ohne Pause, ganz ohne dass wir darüber nachdenken, ob eine Situation sicher oder gefährlich für uns ist. Ein Tonfall, ein Blick, ein kurzes Schweigen – all das wird von unserem Körper blitzschnell eingeordnet.

Fühlt sich dein System sicher, kannst du offen, neugierig und im Kontakt sein. Dann ist authentisch sein fast mühelos. Nimmt es dagegen Gefahr wahr, schaltet es in den Schutzmodus: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Du wirst gereizt, ziehst dich zurück oder bist innerlich wie weg.

Das Entscheidende: Dein Nervensystem hat in der Kindheit gelernt, was gefährlich ist. Und für viele Kinder war es gefährlich, eigene Bedürfnisse zu zeigen. Diese frühe Erfahrung ist im Körper gespeichert. Deshalb reagierst du heute manchmal so, als stünde wieder die Bindung auf dem Spiel, obwohl du erwachsen bist und die Situation eine ganz andere ist.

Grund 3: Alte Schutzstrategien fühlen sich an wie „du selbst“.

Die Überlebensstrategien aus der Kindheit waren klug. Sie haben einem Kind geholfen, in einer schwierigen Umgebung mit seinen Eltern verbunden zu bleiben. Doch wir tragen sie als Erwachsene unbewusst weiter, obwohl die ursprüngliche Situation längst vorbei ist. Und mit der Zeit werden sie gefühlt Teil unserer Identität.

„Ich bin eben die, die immer für alle da ist.“ „Ich brauche nicht so viel wie andere Menschen.“ „Ich bin halt schüchtern.“ Solche Sätze klingen wie eine Beschreibung deiner Persönlichkeit. Oft beschreiben sie aber eine alte Schutzstrategie.

Besonders deutlich zeigen sich diese Muster in engen Beziehungen – mit deinem Partner, deinen Kindern, in der Familie oder im Job. Sie sorgen dafür, dass sich Konflikte wiederholen und du dich zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Wunsch nach Selbstbestimmung hin- und hergerissen fühlst. Oft melden sich dabei auch Schuldgefühle, sobald du für dich einstehst.

Wie authentisch sein wieder möglich wird – Schritt für Schritt.

Was Mut macht: Dein Nervensystem kann neue Erfahrungen machen. Nicht durch Druck und nicht, indem du dich zwingst, „endlich mutiger“ zu sein. Sondern in kleinen, gut dosierten Schritten, indem dein System wiederholt neue, korrigierende und körperlich spürbare Bindungserfahrungen macht.

Dabei geht es weniger um die Frage „Was ist damals passiert?“ als um diese: „Wie halte ich mich heute noch zurück und was brauche ich, um mich ein kleines Stück mehr zu zeigen?“ Denn die Muster wirken im Hier und Jetzt. Und genau hier kannst du ihnen begegnen.

Quellen:

Laurence Heller & Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen. Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken. 

Stephen Porges: Die Polyvagal-Theorie. Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. 

Peter Levine: Sprache ohne Worte. Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. 

Eine Übung für den Alltag

Erinnere dich an eine Situation, in der du dich angepasst hast, obwohl du eigentlich etwas anderes wolltest. Wähle eine leichte Situation, denn du musst nicht tief hineingehen.

Nimm wahr, was in deinem Körper passiert. Wird dein Atem flacher? Ziehen sich deine Schultern hoch? Wird dein Bauch eng?

Dann ergänze den Satz: „Wenn ich mich hier gezeigt hätte, hätte ich Angst gehabt, dass …“

Wird es dir zu viel, lenke deine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas, das dir gerade Halt gibt: deine Füße auf dem Boden, die Lehne in deinem Rücken, einen Gegenstand im Raum, den du gern ansiehst. Wechsle ruhig zwischen beidem hin und her. So lernt dein System: Ich kann mit diesem Gefühl in Kontakt sein und bin trotzdem sicher.

Du bist nicht falsch – du hast dich geschützt.

Dass authentisch sein dir manchmal schwerfällt, hat nichts mit fehlendem Mut zu tun. Es zeigt, wie gut du als Kind gelernt hast, Verbindung zu sichern. Heute darfst du Schritt für Schritt erfahren, dass Nähe und Echtheit gleichzeitig Platz haben.

Dieser Wachstumsweg braucht Zeit, Mitgefühl mit dir selbst und oft auch eine professionelle Begleitung. Allein erkennen wir meist „die blinden Flecken“ nicht und können Muster und Identifikationen nicht erkennen. Der Prozess verläuft bei jedem Menschen anders. Und er darf langsam gehen im eigenen Tempo.